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Konzert: 28. August 2015

Taiwan Impression:

Little Giant Chinese Chamber Orchestra aus Taipeh in Sankt Augustin

Pressemitteilung:

Weltmusik in Sankt Augustin

Kammerorchester aus Taiwan entführt Zuschauer nach Asien

Am 28.08.2015 fand in der Aula der Steyler Missionare die zweite Veranstaltung des Little Giant Chinese Chambers Orchestra im Bonner Raum statt. Zunächst wirkten die Fremden Instrumente nicht passend in der nahezu neuen frischen Aula, doch bereits beim ersten Stück wurden die Zuschauer in den Bann der fernöstlichen Klänge gezogen. Jeder Musiker war ein Spezialist an seinem Instrument, der sonst vor allem im Nationaltheater in Taiwan spielt.

Doch wie kommt so etwas Hochkarätiges ausgerechnet nach Sankt Augustin? Dies ist dem Ostasien-Institut e.V. und einer unermüdlichen Dame zu verdanken die es möglich machte, dass auch dieses Jahr ein solches Spektakel genossen werden konnte. Dr. Shu-Jyuan Deiwiks organisierte und kümmerte sich unverzagt und ehrenamtlich. Der Dirigent und Gründer des Orchesters, Dr. Chi-Sheng Chen, beantragte Zuschüsse bei Stellen wie dem taiwanischen Kultusministerium und zahlte den Rest der Reisekosten sogar aus eigener Tasche. So konnten die Little Giants, nachdem sie in diesem Jahr bereits in Kanada, USA, Berlin, Karlsruhe und Düsseldorf aufgetreten sind, auch endlich erneut im Bonner Raum das Publikum verzauberten.

Am Konzertabend entführten die Little Giants und ihr Dirigent Dr. Chih-Sheng Chen das deutsch-taiwanische Publikum in eine andere Welt. Auf dieser Reise trafen sie zwischen tainwanischen Volksliedern und modernen Stücken chinesischer und taiwanischer Komponisten auch alte Bekannte: zum Beispiel “Claire de Lune” von Debussy, das sich musikalisch mit dem Stück “Erinnerung” des längst verstorbenen, ohne Schulbildung aufgewachsenen taiwanischen Mondlaute-Spielers Chen Da vermischte. Die Musik von Chen Da konnte nur wiederhergestellt werden, da das Ostasien-Institut jahrzehntelang alte Tonbandaufnahmen aufbewahrt hatte, die nun in einem großen Forschungsprojekt in Taiwan digitalisiert und bearbeitet werden. Für diesen Beitrag erhielt der Gründer des Ostasien-Instituts, Alois Osterwalder, den taiwanischen Kulturpreis.

Andere Lieder wiederum basierten auf der Gesangtradition der Ureinwohner Taiwans, die in vielen unterschiedlichen Stämmen leben. Auch typische taiwanische und chinesische Volkslieder, wie die “Sehnsucht nach der Frühlingsbrise”, fanden ihren Weg in die Ohren des Publikums, welches lauthals mitsang.

Spätestens nach der Pause war klar, wer hier saß hatte die Möglichkeit abzuschalten, in eine andere Welt einzutauchen und für diese Zeit vollends zu entspannen. Sowohl in der Pause als auch am Ende hatten die Zuschauer Zeit, die traditionellen Musikinstrumente näher in Augenschein zu nehmen. Der ein oder andere konnte ihnen auch einen Ton entlocken. Schlussendlich war es ein gelungener Abend und es bleibt nur zu hoffen, dass der Weg der Little Giants auch nächstes Jahr wieder zu uns führt und wir dieses Erlebnis mit noch mehr Zuschauern teilen können.

Mehr über das Orchester unter http://www.littlegiant.idv.tw/index_eng.htm

Ankündigung:

Das Little Giant Chinese Chamber Orchestra 小巨人絲竹樂團 aus Taipeh, Taiwan, spielt traditionelle chinesische Instrumente und kombiniert diese gerne auch mit Instrumenten der westlichen klassischen Musik.

Ankündigung auch auf http://www.onlinezeitung.co/news/datum/2015/08/17/oai-laedt-zum-konzert-des-little-giant-chinese-chamber-orchestra-aus-taipei/

Der 19. Taiwanisch-Französische Kulturpreis geht an Alois Osterwalder

Am 6. Juli 2015 wurde dem Gründer des OAI, Alois Osterwalder, im Institut de France, Académie des sciences morales et politiques in Partis, der Kulturpreis der Fondation culturelle franco-taiwanaise verliehen. Dieser Preis ehrt seine Verdienste im Austausch zwischen Europa und Taiwan. Verliehen wurde der Preis vom Kulturminister der Republik China (Taiwan), Hung Meng-Chi.

Fotos: Centre Culturel de Taiwan à Paris (Kulturabteilung der Taipeh Vertretung in Frankreich).

Von rechts: Der Taiwanische Kulturminister Hung Meng-Chi 洪孟啟, Preisträger Alois Osterwalder, Preisträgerin Fiorella Allio, Sekretär auf Lebenszeit der Académie des sciences morales et politiques Xavier Darcos, Botschafter Michel Ching-long Lu 呂慶龍.
Kulturminister Hung Meng-chi überreicht die Urkunde an Pater Alois Osterwalder.
Rechts: Xavier Darcos.
Xavier Darcos, Gilbert Guillaume (Vice-président), Hung Meng-Chi.

Eine ausführliche Berichterstattung in Chinesischer Sprache ist auf der Webseite der Zeitschrift Epoch Times zu lesen.

Der Fremde Klang

Symposium mit Abendkonzerten 3. – 4. Oktober 2014 in Bonn

aus: China heute XXXIV 2019 Nr. 1

von: Mariana Münning

Am 3. und 4. Oktober 2014 kamen im Kammermusiksaal des Beethovenhauses in Bonn auf Einladung des Ostasien-Instituts e.V. (OAI) und der Bonner Gesellschaft für Chinastudien e.V. (BGCS) Wissenschaftler und Musiker aus Europa, China, Taiwan und sogar Neuseeland zusammen, um über die neuesten Entwicklungen der Erforschung des Austauschs zwischen Europa und China im Bereich der Musik und Musikwissenschaft zu diskutieren.

In ihrer Einführung erklärte die Vorsitzende des OAI und der BGCS, Dr. Therese GEULEN, was der Titel des Symposiums „Der Fremde Klang“ für die Veranstalter bedeutet. Er beschreibt das befremdliche Gefühl, mit unbekannten ästhetischen Normen konfrontiert zu werden. Gerade im Bereich der Musik kann eine ungewohnte Klangabfolge oder Klangkombination beim Zuhörer nicht nur Erstaunen, sondern vielleicht gar Entsetzen hervorrufen.

Wie Prof. François PICARD vom Institut de Recherche en Musicologie der Sorbonne im Eröffnungsvortrag erklärte, fand ein solches Aufeinandertreffen von musikalischen Normen im 17. Jahrhundert statt, als jesuitische Missionare und chinesische Konvertiten in China das Christentum auch mit musikalischen Mitteln verbreiten wollten. Zunächst geschah dies im Rahmen der Akkomodationsstrategie mit christlichen Texten in chinesischer Sprache zu chinesischer Musik, wie in der Musik der Jesuitenpater WU Li 吳歷 (1632-1718, siehe unten) und Joseph Marie Amiot (1718-1793). PICARDs Analyse des Tonumfangs zeigt, dass die Stücke der Musiktradition des Konfuzianismus folgten. Ein Jahrhundert zuvor wäre dies für den Gründer der China-Mission, Matteo Ricci (1552-1610), undenkbar gewesen, da er die chinesische Musik noch als abstoßend nicht-musikalisch empfand. Die Jesuiten wollten den christlichen Glauben gezielt den gebildeten Gelehrtenbeamten des Kaiserhofs nahebringen.

Lutheranische Missionare im 19. Jahrhundert kombinierten endlich europäische Kirchentonarten und die Pentatonik, während sie das christliche Vokabular im Chinesischen deutlich vereinfachten. Im 20. Jahrhundert wurden immer mehr Stücke komponiert, die auf beiden musikalischen Traditionen aufbauen. PICARD bemüht sich in seiner Forschung, eine neue musikwissenschaftliche Terminologie herauszuarbeiten, die den unterschiedlichen Konventionen und Traditionen der asiatischen Musik Rechnung trägt. Sein Standardwerk La musique chinoise wird demnächst auf Deutsch, herausgegeben vom Ostasien-Institut, erscheinen.

WU Li war auch Thema des folgenden Vortrags von Dr. HONG Li-Xing 洪力行 von der Katholischen Fu Jen Universität in Taiwan. Der Poet und Maler WU Li war einer der ersten chinesischen Literatenbeamten, der als Priester des Jesuitenordens ordiniert wurde. Er kann als Vorreiter der chinesischen Kirchenmusik betrachtet werden. Sein Werk der „himmlischen Musik“ Tianyue zhengyin pu 天樂正音譜 (wahrscheinlich 1710 komponiert) hat christlichen Inhalt. Zwar sind von diesem Werk keine Noten erhalten, aber der Text beinhaltet Anweisungen, zu welcher Melodie er gesungen werden soll. Es handelt sich nämlich um Suiten in der musikliterarischen Form des Qu 曲, im Deutschen manchmal „Ballade“ genannt. Diese gesungener Poesie, die bereits in der Yuan-Dynastie (1271-1368) einen Höhepunkt erlebte und in viele Unterkategorien unterteilt wird, hat einen festen Kanon an Melodien.

Wie mag das geklungen haben? Da beim Qu der Text in direktem Zusammenhang zur Musik steht, gab am Nachmittag HAN Chang-Yun 韓昌雲 (Theresa HAN), Präsidentin der Taipei Kunqu Society, einen Workshop zur Rekonstruktion des Tianyue zhengyin pu. Diese „Kun-Oper“ Kunqu 崑曲 ist ein heute noch lebendiger Qu-Stil. Anhand des Textes ist es also für erfahrene SängerInnen wie Theresa HAN möglich, eine passende Melodie und Ornamente zu singen. Da das Chinesische bekanntermaßen eine tonale Sprache ist, gibt es für jeden Ton einer Silbe des Textes bestimmte Intonationsfolgen. Aufgeschrieben werden die Noten traditionell dann in der Gongche- 工尺 Notation, eine Solmisationsschrift, in welcher jeder Note ein Schriftzeichen zugeordnet wird. Weitere Zeichen geben den Rhythmus oder auch die Artikulationsweise an. Unter Theresa HANs Leitung sang der ganze Saal.

In seinem Vortrag „Der Klang des Dao“ stellte der Salzburger Musikpädagoge Dr. Herbert HOPFGARTNER den Daoismus vor, der viel Einfluss auf die chinesische Musik ausübte. Auch heute noch sieht er in Musikstücken, in denen der Stille eine besondere Rolle zukommt, Elemente aus dem Daoismus oder auch aus dem daoistisch beeinflussten Zen-Buddhismus.

Den krönenden Abschluss des ersten Tages bildete dann das Konzert des Little Giant Chinese Chamber Orchestras, wozu die Komponistin Prof. CHAO Ching-Wen 趙菁文 der National Taiwan University eine ausführliche Einführung gab. Das aus klassischen chinesischen Instrumenten wie Flöte Di 笛, „Mundorgel“ Sheng 笙 oder auch der ursprünglich aus Zentralasien eingeführten Laute Pipa 琵琶 bestehende Orchester wurde durch einen Konzertflügel ergänzt und die Klänge mit projizierten Visualisierungen auf einer Leinwand sichtbar gemacht. Diese ungewöhnliche Kombination von Instrumenten war auch den Melodien anzuhören, welche die Besonderheiten sowohl der westlichen als auch der chinesischen Musikkultur erfrischend neu zum erklingen brachten. Durch die Architektur des Kammermusiksaals des Beethovenhauses, der eine große Nähe zwischen Publikum und Musikern zulässt, war die Konzentration und Leidenschaft des aus taiwanischen Studierenden bestehenden Orchesters und des Dirigenten Dr. CHEN Chih-Sheng 陳智昇 zu spüren. Ebenso erlaubte diese Nähe den Publikum, die in Deutschland selten gesehenen Instrumente eingehend zu bestaunen. Sowohl Stückauswahl als auch Stückabfolge, sowie die technischen Fertigkeiten der Musiker begeisterten das Bonner Publikum, welches die Musiker mit viel Applaus und nicht ohne eine Zugabe entließ.

Besonders hervorzuheben ist das Stück „Erinnerung“, welches auf den taiwanischen Sänger und Mondlaute-Spieler CHEN Da 陳達 zurückgeht und von der Komponistin CHAO erstmalig für ein Bühnenarrangement aufbereitet wurde. In einfachsten Verhältnissen lebend komponierte und rezitierte CHEN Da Zeit seines Lebens unzählige Lieder, ohne je Lesen, Schreiben oder gar das Notenlesen gelernt oder Musikunterricht erhalten zu haben. Wie auch Professor HUANG Chun-Zen 黃均人 der Taiwan Normal University am darauffolgenden Tag in seinem Vortrag erläuterte, war dieses und viele andere Volkslieder vom Musikethnologen SHIH Wei-Liang 史惟亮 (1925-77) während seiner Feldforschung aufgenommen worden. Nachdem SHIH in Wien Komposition studiert hatte, gründete er zusammen mit dem Steyler Pater und Initiator des „Fremden Klangs“, Alois OSTERWALDER, in Bonn die Arbeitsgesmeinschaft China-Europa, um den Kulturaustausch zwischen Ost und West zu vertiefen – das heutige das Ostasien-Institut (OAI). Dank dieser Arbeitsgemeinschaft konnte auf Taiwan die erste Musik-Bibliothek „Chinese Youth Music Library“ gegründet werden. 1967 wurde die Sammlung von Volksliedergut im „Folksong Fieldwork Movement“ begonnen, und SHIH Wei-Liang gründete 1968 ein Zentrum zur Erforschung chinesischer Musik in Bonn. In den Räumen des OAI bewahrte Alois OSTERWALDER jahrzehntelang SHIH Wei-Liangs Aufnahmen der Volksmusik auf – auf Taiwan waren Kopien davon schon längst zerstört. Momentan ist das OAI zusammen mit dem Digital Archive Center for Music an der National Taiwan Normal University unter der Leitung von HUANG Chun-Zen mit der Digitalisierung dieser seltenen Aufnahmen von längst verlorener Musik beschäftigt. Für sein Engagement erhielt OSTERWALDER den Kulturpreis der Fondation culturelle franco-taiwanaise.

Am zweiten Tag des Symposiums wurde der Austausch zwischen Deutschland und der chinesischen Welt im 20. Jahrhundert weiter beleuchtet. Zwei Vorträge behandelten den Gründungsvater der modernen Musikwissenschaft in China: WANG Guangqi 王光祈 (1891-1936), der 1920-36 in Deutschland lebte, in Berlin Musikwissenschaft studierte und als Chinesisch-Lektor in Bonn tätig war, wo er auch verstarb. Einerseis führte er Theorien und Methoden der sogenannten „Berliner Schule“ der Musikwissenschaft in China ein, andererseits brachte er auch dem deutschen Publikum die chinesische Musik näher. Wie Dr. GONG Hong-Yu 宫宏宇 vom Unitec Institute of Technology in Auckland, Neuseeland in seinem Vortrag erklärte, hoffte WANG Guangqi, dem chinesischen Volk mithilfe von Musik zu mehr Bildung zu verhelfen – gerade Anfang des 20. Jahrhunderts war dies vielen Intellektuellen ein wichtiges Anliegen, da sich das chinesische Kaiserreich als international nicht wettbewerbsfähig gezeigt hatte und die Angst bestand, vom Westen und Japan „abgehängt“ zu werden. Prof. ZHAO Chonghua 赵重华 der Sichuan-Musikhochschule in Chengdu erläuterte in einem weiteren Vortrag, dass WANG Guangqi die Rolle von Musik für die Moral des Volkes betonte, was ihn nicht nur dazu motivierte, umfassende Werke zur Musiktheorie zu verfassen, sondern ganz besonders auch, sich auf dem Bereich der Musikerziehung zu betätigen.

Die zum Symposium eingeladene Joanna Lee hatte sich entschieden, aufgrund der Proteste der Demokratie-Bewegung in Hongkong nicht anzureisen. Glücklicherweise erklärte sich Frank Kouwenhoven (CHIME – European Foundation For Chinese Music Research, Leiden) bereit, spontan einen Vortrag über den Komponisten TAN Dun 谭盾 zu halten. TAN Dun gehört zu den bekanntesten Komponisten des heutigen China, der nicht nur die Musik zu den bekannten Filmen Tiger and Dragon oder Hero, sowie für die Feierlichkeiten der Olympischen Spiele in Peking 2008 komponierte, sondern auch vor allem dafür bekannt ist, in seinen Werken Geräusche von Elementen wie Wasser oder Stein einzubeziehen.

Am Abend des 4. Oktober beendete dann das Solo-Konzert der Guqin-Spielerin HUANG Mei 黄梅, die bereits am Vorabend ein Stück mit dem Little Giant Chinese Chamber Orchestra gespielt hatte. Die Guqin 古琴 ist eine „Wölbbrettzither“ und das Instrument des konfuzianischen Gelehrten schlechthin. Sie ist relativ leise, durch die ausgezeichnete Akustik des Kammermusiksaals aber kamen ihre sanften Klänge wunderbar zur Geltung. Besonders an der Spieltechnik der Guqin ist, dass der Ton scheinbar im Kopf des Zuhörers weiterklingt, wenn eigentlich nur noch das Gleiten von HUANG Meis Fingern über die Saiten zu hören ist. Diese meditativen Klänge hinterließen beim Publikum einen tiefen Eindruck.

Die Vorträge werden vorraussichtlich in diesem Jahr als Konferenzband in englischer Sprache publiziert.

SHIH Wei-Liang 史惟亮 (1925-1976) war ein Musikethnologe und Musikwissenschaftler. Er wurde in Liaoning im Nordosten Chinas geboren und wanderte nach 1949 nach Taiwan aus. Dort studierte er als einer der ersten Musik an der National Taiwan Normal University. Nach seinem Abschluss unterrichtete er Musik in unterschiedlichen Schulen und erhielt bald ein Stipendium, um im Ausland zu studieren. Nach einem Aufenthalt in Spanien ging er nach Wien an die Akademie für Musik. Dort traf er auch Alois Osterwalder und gründete 1968 in Bonn ein Zentrum zur Erforschung chinesischer Musik. Zeit seines Lebens sammelte SHIH eine große Anzahl an Aufnahmen, größtenteils von Taiwanischer Volksmusik. Diese Aufnahmen sind im Ostasien-Institut erhalten worden – als in Taiwan gelagerte Tonbänder schon längst zerfallen waren. Zusammen mit dem Material, dass SHIHs Sohn SHIH Jie-Yung (史擷詠, 1958-2011) zur Verfügung gestellt hat, wurde von HUANG Chun-Zen 黃均人 das “SHIH Wei-Liang Music Digital Archive Project” (史惟亮音樂數位典藏計畫, 2008-2009) durchgeführt, als dessen Ergebnis nun die Datenbank steht: http://archive.music.ntnu.edu.tw/wlsh/

Der Alois Osterwalder Lehrstuhl an der National Taiwan Normal University, Taipei, Taiwan

Diese Chronologie der Ereignisse beschreibt, wie längst verloren geglaubtes Liedgut wieder ans Licht kam und zu Ehren des Konservators ein Lehrstuhl gegründet wurde. Das Ostasien-Institut konnte einen großen Beitrag für die Musikforschung zwischen Taiwan und Deutschland leisten.

Frühjahr 2012:

Alois Osterwalder zeigt Claire Shu-Jyuan Deiwiks die 57 Tonbänder in den Bücherschränken im Keller des Ostasien-Instituts in Bonn-Ippendorf. OAI-Keller. Das sind die Bänder, die der Musikforscher Shih Wei-Liang Alois in den 70er Jahren gegeben hat. Das OAI hatte damals keinen Fachmann, der diese Bänder bearbeiten oder benutzen konnte. Claire erklärte sich bereit, sich in Taiwan umzusehen.  Shih Wei-Liang ist bedeutend für Taiwan, da er unzählige Volkslieder erstmalig dokumentierte – in Deutschland jedoch ist er kaum bekannt, obwohl er auch hier und in Österreich wirkte. Das Ostasien-Institut wurde von Alois Osterwalder und Shi Wei-Liang gemeinsam gegründet.

22.10.2012:

Claire sucht Prof. Chun-Zen Huang der National Taiwan Normal University (im folgenden Shida 師大) auf. Prof. Huang ist Leiter des Zentrums für Digitalisierung und Archivierung für Musikdokumente an der Shida, die einzige Institution dieser Art in Taiwan. Prof. Huang war sofort begeistert von diesem Fund der Tonbänder. Dieser Fund schließt die Lücke seines Projektes „Shih Wei-Liang Documentation“, das von National Science Council (NSC, jetzt Ministerium of Science and Technology, MOST) gefördert wird.

07.01.-14.01.2013:

Prof. Huang Chun-zen, Dr. Claire Shu-Jyuan Deiwiks und Alois Osterwalder.

Prof. Huang kommt zwei Assistentinnen nach Bonn, um die Tonbänder zu sehen. Bei dieser Gelegenheit fotografiert das Team in Sankt Augustin bei den Steyler Missionaren auch die Peking-Oper-Kostüme und chinesischen Musikinstrumente, die das OAI in Taiwan kaufte und die von Shih Wei-Liang nach Bonn geschickt wurden. Darüber hinaus erhalten Prof. Huang und seinen Mitarbeiterinnen die Tonbänder und ca. 200 Seiten von Briefen von Shih Wei-Liang und Alois. Während des kurzen Aufenthalts wird Alois interviewt, auch Prof. Chiao in Trier, der eng mit Shih Wei-Liang befreundet war. Die Orte, an denen Shih Wei-Liang gelebt hat, werden fotografiert. All dies wurde der Dokumentation über Shi Wei-Liang zugeführt.

März 2013:

Ausstellung in Taiwan.

Ausstellung der Shi-Wei-Liang-Dokumente aus Deutschland an der Shida unter dem Motto: „Die Shih-Wei-Liang-Dokumente kehren heim“.  Gezeigt werden Tonbänder, Briefe, Programm usw.

Besuche verschidener Institutionen, die für die Aufbewahrung der Tonbänder in Frage kommen, z.B. Music Institute of Taiwan des Kulturministeriums, National Library usw.

Alois und Claire werden von der Kulturministerin Lung Ying-Tai empfangen. Alois wird dafür gedankt, dass er dieses taiwanische Kulturgut so lange (über 40 Jahre) so gut aufbewahrt hat. Seine Unterstützung der Musikstudenten aus Taiwan in den 60er und 70er Jahren wird hervorgehoben und gebührend ausgezeichnet.

OAI und Shida schließen einen Vertrag ab, dass das OAI diese Dokumente als Dauerleihgabe der Shida überlässt, damit die Shida die Arbeit der Digitalisierung und Archivierung unter Leitung von Prof. Chun-Zen Huang durchführt.

Die Vorbereitung der Gründung des Lehrstuhls Alois Osterwalder beginnt, mit Unterstützung des Industriellen Leo Yao, der vorher ein Abkommen mit der Shida unterzeichnet. Leo Yao verpflichtet sich, die Shida bei diesem Unterfangen finanziell zu unterstützen.

28.10.2013:

Gründungsfeier des Alois Osterwalder Lehrstuhls (chinesisch: 國立台灣師範大學歐樂思講座成立大會) zum Tag des Audiovisual Heritage des UNESCO (27.10.) in Taipei.

Eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Prof. Huang wird gegründet, die für alle Belange des Lehrstuhls verantwortlich ist. Dies beinhaltet:

  1. Digitalisierung und Archivierung der Papierdokumente unter Leitung von Frau Dr. Nora Yeh (Library of Congress in Washington)
  2. Digitalisierung und Archivierung der Tonbänder unter Leitung von Prof. Dr. Dietrich Schüller aus Wien
  3. Veröffentlichung sämtlicher Forschungsergebnisse aus diesen Dokumenten, mit Unterstützung der Academia Sinica. 

Im Rahmen des Alois Osterwalder Lehrstuhls ist jeweils eine Frühjahrs- und Herbstveranstaltung geplant, bei denen ausländische Wissenschaftler an der Shida Gastvorträge aus dem Bereich Digitalisierung und Archivierung von Musikdokumenten abhalten und den Studierenden neues Wissen vermitteln.

Juli 2014:

Vier Studierende der Shida besuchen einen Workshop bei Prof. Schüller in Wien, um die neuste Technik der Digitalisierung von Musikdokumenten zu erlernen. Shida erwirbt anschließend die Geräte für diese Technik. Die Tonbänder werden mit dieser Technik digitalisiert. Das erste Ergebnis zeigt Prof. Huang  im Konzert am 03.10.2014 im Rahmen von „Der Fremde Klang“, wo der Anfang des Videostückes aus einem der Tonbänder stammt.

Zukünftige Planung:

Herbst 2015: Abschluss des Projektes „Shih-Wei-Liang-Dokumente in Deutschland“
Digitalisierung der Tonbänder,
Archivierung der Papierdokumente,
die Publikation des kommentierten Katalogs der Dokumente,
Weiterführung des Lehrstuhls Alois Osterwalder.






Europa trifft China – China trifft Europa

  • Der Austausch von Wissen als Brücke zwischen Europa und China
    Veranstaltungsreihe 1.5. – 15.6.2012
  • Die Anfänge des Wissensaustauschs: Jesuiten-Missionare in China vom 16. bis zum 18. Jahrhundert
    Ausstellung 3.5. – 3.6.2012

Für diese Veranstaltungsreihe gibt es auch eine eigene Webseite: www.europatrifftchina.de


Anlässlich des Chinesischen Kulturjahrs in Deutschland fand in Bonn sechs Wochen lang ein ausgedehntes Programm statt, welches sich auf ein halbes Jahrtausend der wissenschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Europa und China stützte. Besonders das Rheinland hat in der Person des Kölner Kurfürsten Ferdinand (1577–1650) einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, zum Beispiel bei der Reform des chinesischen Kalenders, der Erstellung des ersten Handbuchs deutscher Ingenieurskunst in China und vielen weiteren Meilensteinen des globalen Wissenstransfers.

Während in Europa Inquisition und Gegenreformation herrschten, nahmen jesuitische Wissenschaftler die
lebensgefährliche Reise nach China auf sich und konnten dort unter der Schirmherrschaft des Kaisers Shunzhi (1638–1661) Fuß fassen. Mit chinesischen Wissenschaftlern, die auch bei der Übersetzung der westlichen Werke ins Chinesische halfen, gab es einen fruchtbaren Austausch. Die Chinesen interessierten sich stark für Kalenderberechnungen, Mathematik und Astronomie, die Deutschen schon damals für die sanfteren Methoden der chinesischen Medizin. Eng mit der chinesischen Kalenderberechnung verbunden war die Herrschaftslegitimation des Kaisers, so dass die Arbeit der deutschen Jesuiten immer auch von politischer Relevanz war. Auch wurden sie in Intrigen hineingezogen, und manche Schicksale endeten tragisch durch Verurteilung oder Suizid.


Die Ausstellung


Die Ausstellung erzählte von dem Jesuiten Johann Adam Schall von Bell aus Lüftelberg (Meckenheim, 1592–1666), der sogar zum Staatsbeamten Erster Klasse aufstieg; von Johannes Schreck-Terrentius (1576–1630), der als Erfinder naturwissenschaftlich-technischer Fachsprachen gilt, und ihren Kollegen. Zudem wird der bedeutende Chinese Xu Guangqi (1562–1633), Experimentalforscher in Landwirtschaftstechnologie und Militärwesen sowie Vermittler zwischen Europäern und Chinesen, präsentiert. Die Inhalte wurden durch reiches Bildmaterial illustriert und in einer luftigen Konstruktion aus Bambus inszeniert.

Die Ausstellung stand unter der Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters der Bundesstadt Bonn, Jürgen
Nimptsch. Die Veranstalter waren das Ostasien-Institut e.V. und die Bonner Gesellschaft für China-Studien e.V. in
Kooperation mit der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, der Rheinische Friedrich-
Wilhelms-Universität Bonn und dem Kulturamt der Bundesstadt Bonn.

Der Ausstellungskatalog ist für 12 Euro inklusive Versand beim OAI erhältlich.


Das Programm


Zahlreiche Veranstaltungen fanden im Rahmen von Europa trifft China in Bonn und Umgebung statt. Das komplette Programm ist hier einzusehen. Im Folgenden werden einige Veranstaltungen besonders hervorgehoben.

Der Feierliche Auftakt der Veranstaltungsreihe fand in am 1. Mai 2012 Zusammenarbeit mit der Lüftelberger Dorfgemeinschaft e.V. auf dem Wasserschloss der Schall von Bells in Lüftelberg, Meckenheim statt. Referenten aus Politik, Wissenschaft und Kultur, wie Botschafter a.D. Dr. Hannspeter Hellbeck, sowie Prof. Dr. Klaus Weber Sprachen über die Beziehungen zwischen Deutschland und China und die Rolle Johann Adam Schall von Bells. Ehrengast war der Nachfahre Johann Adam Schall von Bells, Graf Schall-Riaucour.

Am 17. Mai trafen zwei komplett gegensätzliche Tanztraditionen aus Ost und West in einem einmaligen “Dialog der Kulturen” in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland zusammen. Künster der Sichuan Oper aus Chengdu, darunter auch Chinesischer Maskentanz, teilten sich die Bühne mit der Gruppe Cerna & Vanek Dance des zeitgenössischen europäischen Tanzes. Organisiert wurde dieser grenzüberschreitende Tanzworkshop in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt der Stadt Bonn

Am 31. Mai 2012 fand dann die Wirtschaftskonferenz China im Dorint-Hotel in Bonn Venusberg statt. Thema war “Erfolgsfaktor Wissen: Austausch auf Augenhöhe als Chance für die deutsche Wirtschaft in China”. China-Experten, Wissenschaftler und Manager mit langjähriger China-Erfahrung ließen uns teilhaben an ihren Erfahrungen in den chinesischen Tochterunternehmen. Sie berichteten über
    ◦    best practice-Beispiele beim Aufbau belastbarer Prozesse und Strukturen,
    ◦    die Implementierung von IT Prozessen,
    ◦    die Erfahrungen beim Aufbau eines deutsch-chinesischen Führungsteams sowie
    ◦     Planungen von Projekten und Aufträgen in der VR China.


Das wissenschaftliche Symposium


„Europe meets China – China meets Europe“ – Beginnings of European-Chinese Scientific Exchange in the 17th Century
am 10. und 11. Mai 2012 in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland

Dieses internationale und interdisziplinäre Symposium befasste sich mit dem Wissenschafts- und Technologietransfer zwischen europäischen Missionaren und chinesischen Gelehrten im 17. Jahrhundert. Thema waren die Prozesse und Ursachen der wechselseitigen Ablehnung und Aneignung von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Technologien. Im Fokus standen dabei die beiden Jesuiten Johann Adam Schall von Bell und Johannes Schreck-Terrentius.

Die Referenten waren renommierte Wissenschaftler aus China, Europa und Nordamerika. Neben Historikern und Sinologen sind auch Vertreter der Naturwissenschaften der Frage nachgegangen, wie etwa die jeweilige Ideologie die naturwissenschaftliche Forschung beeinflusst hat. War die eigene Kultur wie so oft ein Stolperstein für die Wissenschaft? Wie gelang es den damaligen Gelehrten, das „Andere“ in ihre Forschungsarbeit zu integrieren und diese Kooperation zu einem Riesenerfolg in der Geschichte der Wissenschaft zu machen?

Vorträge:

Chair: Bernhard Führer


Thursday, May 10, 2012: „The Impact of Cross-Cultural Encounters on Individual Value Systems“

  • Isaia Iannaccone:
    The Challenge of Accommodation: The Case of Niklaas Trigault and Johannes Schreck-Terrentius
  • Pradeep Chakkarath:
    What Can Cultural Psychology Contribute to a Better Understanding of the Chinese-European Encounter in the 17th Century?
  • Gregory Blue:
    The Many Facets of Paul Xu Guangqi
  • Chen Hui Hung:
    A Chinese Treatise Attributed to Paul Xu (1615): How the Jesuits in China Defined ‚Sacred Images‘
  • Shu-Jyuan Deiwiks:
    Some Cultural and Psychological Aspects of the Trial of Johann Adam Schal Before the Supreme Court of Peking – According to the Secret Manchu Documents
  • Li Xuetao:
    Why Did Yang Guangxian Reject the Jesuit Mission?


Friday, May 11, 2012: „Cross-Cultural Encounters and Social Identity“

  • Liam M. Brockey
    The Unpublished Travels of a European Theologian in Late Ming China
  • Ralph Kauz
    Transfer of Science and Technology from the Islamic World to China
  • Zhang Xiping
    A Conversation between China and the West: The Missionaries at the Early Qing Dynasty and Their Research on the Book of Changes
  • Claudia von Collani
    Kangxi’s Mandate of Heaven and Papal Authority
  • Manjusha Kuruppath
    Adam Schall’s Relationship with the Court as Seen in the Netherlands and Flanders of the Period
  • Hans Waldenfels
    The Jesuits‘ Mission in China and its Meaning for the Future

Der englischsprachige Konferenzband ist bei Monumenta Serica erhältlich.